Sonntag, 30. Dezember 2012

Willkommen im Dazwischen


Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung am 29.12.2012

Noch ist das alte Jahr nicht ganz zu Ende gebracht und noch hat das neue Jahr nicht begonnen. Irgendwo zwischen den Jahren empfinden sich viele in diesen Tagen. „Irgendwie so ein bisschen dazwischen“- mit diesen Worten hat die Sängerin Ina Müller einmal die Erfahrungen einer bestimmten Lebensphase beschrieben und fortgesetzt: „Zwischen Kuscheltuch und Rheumadecke ... für Kevin zu alt, zu jung für Walter.“
 
Nicht jeder kann die Zeiten im „dazwischen“ so humorvoll besingen. Übergangszeiten - das eine ist schon fast vorbei, das andere hat fast schon begonnen - sind bewegende Zeiten. Die Veränderung, die mit uns dabei vorgeht, ist spürbar und zugleich kaum zu sehen. Und es mag verunsichern, einerseits noch ganz die oder der Alte zu sein und andererseits zugleich zu spüren, das man doch auch schon eine, ein Anderer wird.

In den Übergängen des eigenen Lebens, sei es zwischen verschiedenen Altersphasen, zwischen verschiedenen Abschnitten im Berufsleben oder in sehr persönlichen Lebenskrisen mag es deshalb gut tut tun, sich dessen zu vergewissern, was in allen Veränderungen bestehen bleibt und Sicherheit und Stabilität gibt.  „Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht“, heißt es in einem Kirchenlied, „nur du allein wirst bleiben./ Nur Gottes Jahr währt für und für,/ drum kehre jeden Tag zu dir,/ weil wir im Winde treiben.“

Die Zeit im „dazwischen“ könnte aber auch eine entspannende Zeit sein. Denn für eine Weile müssen wir mal nicht da oder dort sein, nicht mehr die Alte und auch noch nicht der Neue, sondern wir können ausruhen von all dem, was war und ausruhen vor all dem, was kommen wird. Gerade in den unbestimmten Zeiten des Übergangs können wir uns so öffnen für Neues und Überraschendes. Die Zeit zwischen den Jahren als entspannte Zeit im „dazwischen“, als bewusst erlebte Übergangszeit, offen für Veränderungen und gespannt auf das, was mit uns geschehen wird – herzlich willkommen in diesen kostbaren Tagen im Dazwischen!

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Kopf und Herz zurechtrücken


Wort zum Reformationstag für die Braunschweiger Zeitung am 31. 10. 2012

Reformation? Da war doch mal was .... - aber was? Ein kleiner Mönch gegen den Rest der Welt? 95 Thesen an einer Kirchentür und eine Bewegung nimmt unaufhaltsam ihren Lauf? 

Nun, ganz so heldenhaft und auf die eine Person Martin Luthers zentriert, war es wohl nicht mit der Reformation. Wie immer, wenn ein neuer Gedanke sich durchsetzt, waren auch damals viele am Werk. Ohne eine kräftige Unterstützung vor allem in den Städten, ohne die finanziellen Vorteile, die sich so mancher von der Reformation erhoffte, ist diese Bewegung nicht zu denken. 

Dabei stand an zentraler Stelle ein Gedanke, der nur auf den ersten Blick einen primär finanziellen Aspekt hat. Der Spruch, mit dem in unserer Region ein gewisser Tetzel um Geld warb: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“ – dieser Spruch hatte mit der Reformation seine Gültigkeit verloren. „Sola gratia“ – allein aus Gottes Gnade – setzte Martin Luther dagegen und meinte damit: Es ist allein Gottes Liebe, Gottes unbedingtes Eintreten für uns Menschen, die uns und unser Leben selig macht. Das kann man sich nicht erkaufen und nicht verdienen, auch nicht, wenn man sich noch so sehr bemüht, ein guter Mensch zu sein. Sondern Gottes Liebe, die bekommt man geschenkt, gratis - allein durch den Glauben an Jesus Christus, allein aus Gottes Liebe. 

Und wie ist das heute, am Reformationstag 2012?

Nichts könnte aktueller sein als die klare Ansage: Der Wert unseres menschlichen Lebens ist nicht begründet in dem jeweiligen Marktwert, den wir im Wettbewerb der tausend Eitelkeiten gerade haben mögen. Der Wert unseres Lebens hat seinen festen Grund in der Liebe Gottes, die uns jenseits aller uns möglichen Leistungen einfach geschenkt wird. Sich daran von Zeit zu Zeit zu erinnern, dass kann einem Kopf und Herz zurechtrücken und deutlich machen, was wirklich zählt in unserem Leben.

Samstag, 13. Oktober 2012

Die Zeit heilt alle Wunder


Wort zum Sonntag in der  Braunschweiger Zeitung vom 13.10.2012

„Die Zeit heilt alle Wunden“ – diesen Spruch konnte ich noch nie leiden. Auch wenn er die durchaus stimmige Erfahrung in Worte fasst, dass ein zeitlicher Abstand beim Verarbeiten schmerzlicher Erfahrungen helfen kann. Die Zeit aber heilt zunächst einmal gar nichts. Im Gegenteil:  Manche seelischen Wunden heilen auch durch zeitlichen Abstand nicht, sondern brechen oft dann wieder auf, wenn viel Zeit darüber verstrichen ist. Und manche schweren Verletzungen und Verluste werden vielleicht sogar nie wieder ganz heil. Wenn wir uns in unserer Stadt in diesen Tagen an die Verbrechen während des 2. Weltkriegs erinnern, an das unsägliche Leid, das von unserem Land aus in die Welt getragen wurde und an das Leid, das Menschen hier erlebt haben, dann steht uns das schmerzlich vor Augen.

„Die Zeit heilt alle Wunder“ – so singt es die Band „Wir sind Helden“. Nein, Sie haben sich nicht verlesen und es ist auch kein Schreibfehler. Da steht tatsächlich: Wunder. Ich denke bei diesem Liedtitel daran, dass wir, je älter wir werden, umso weniger daran glauben, dass mitten in unserem Alltag Wunderbares und Heilendes geschehen kann. Und dennoch passiert zuweilen genau das: Wunderbar, schmerzlindernd und wundheilend kann es z.B. sein, wenn ein Mensch einen anderen um Verzeihung bittet – für zugefügtes Leid und für begangenes Unrecht. Wo die Bitte um Verzeihung und der Wunsch nach Vergebung ausgesprochen werden, da entsteht die Voraussetzung dafür, dass auch sehr alte Wunden sich schließen können. 

Vielleicht ahnen wir, dass es bei Gott und bei Menschen Möglichkeiten der Vergebung und eines neuen Anfangs gibt. Wir müssen dann keine Angst haben, die Wunden der Vergangenheit könnten die Hoffnung auf Zukunft zunichte machen. Es ist nicht die Zeit, die alle Wunden heilt. Es sind wir Menschen, die dafür sorgen können, dass Verletzungen wieder gut werden und Wunden heil werden können.

Samstag, 4. August 2012

Wie schmeckt der Sommer?


Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung am 4. August 2012

Die Stadt leert sich merklich in diesen Tagen. Die einen fahren in die Ferien, aus denen die anderen noch nicht wieder zurückgekehrt sind. Wer hier bleibt, hat gute Chancen auf den Lieblingsplatz im Café, kann sich an der ungewohnten Ruhe in der Nachbarschaft erfreuen und hat endlich auch mal die vielen Straßenbaustellen fast ganz für sich allein.

Zeit also, auch den inneren Motor ein paar Gänge herunterzuschalten und den Sommer zu genießen. Vielleicht verbunden mit einem Staunen darüber, wie viele schöne und besondere Orte unsere Region zu bieten hat. Vielleicht mit Aufmerksamkeit dafür, wie der Sommer in unserer Stadt in diesem Jahr schmeckt, duftet oder klingt: Nach Sonnencreme, Himbeereis und Sommernachtstango, oder nach frischen Pfifferlingen, überreifen Kirschen, nach Orgelsommer und leichtem Rosé?

Wer hier bleibt, kann Orte entdecken oder neu sehen lernen, an denen man sonst achtlos vorübereilt. Wer sich dabei Zeit nimmt für sinnliche Eindrücke, kommt auf neue und andere Zusammenhänge und macht ungeahnte Erfahrungen. So ganz nebenbei entsteht dabei jede Menge Gesprächsstoff für lange Sommerabende mit alten und neuen Freunden.

Und wenn die Düfte und Geschmacksnuancen des Sommers gekostet sind, wenn genug Sonne getankt ist und laue Abende ihre Zeit und ihre langen Plaudereien hatten, was dann?

Dann bleibt nur noch, sich einfach fallen zu lassen: Mitten hinein ins satte, watteweiche Sommerloch. Mitten hinein in die biblische Botschaft, dass Gott selbst auch für Zeiten der Ruhe und des Staunens über seine Schöpfung zu sorgen wusste. Und vielleicht auch mitten hinein in das Vertrauen derer, die einst im 139. Psalm beteten: „Gott, von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ 

Freitag, 8. Juni 2012

Teamgeist ist gefragt


Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung vom 9. Juni 2012

Natürlich werde ich bei der EM die Eleganz von Mesut Özils Fußballspiel bewundern, ich werde neugierig sein, ob Philipp Lahm rechts oder links oder sowieso überall spielt und mich für Technik und Schnelligkeit von Ilkay Gündogan begeistern. Und ja – ich gestehe es offen ein – ich werde ein Auge riskieren, ob ich Mats Hummels wirklich für einen der schönsten Spieler des Turniers halte. 

Mein Herz erobern und meinen Enthusiasmus wecken wird aber mit Sicherheit kein einzelner Spieler, sondern das wird nur einer Mannschaft als ganzer gelingen. Einer Mannschaft, die zeigt und lebt, dass sie Sinn für Zusammenspiel und Freude an der gemeinsamen Leistung hat. Einer Mannschaft mit Teamgeist – jenem Geist, der dafür sorgt, dass sich nicht ständig profilierungssüchtige Solisten in den Vordergrund spielen, sondern der die Mannschaft zum Star werden lässt. Ein Geist, von dem man mancher Institution und manchem Gremium nur eine gehörige Portion wünschen kann. 

Die neuen Kirchenvorstände der evangelischen Kirchengemeinden, die in diesen Wochen in ihr Amt eingeführt werden, können diesen Teamgeist ebenfalls gut gebrauchen. Viele Zukunftsaufgaben der evangelischen Kirche sind zu bearbeiten und zu lösen. In liebgewordenen Bereichen wird wohl mancher Trennungs- und Veränderungsschmerz gemeinsam zu tragen und zu verarbeiten sein. 

Damit das gut gehen kann, ist Kooperation, Zusammenhalt und Teamgeist auch in den Kirchenvorständen gefragt. Wobei wir in der Kirche neben dem menschlichen Teamgeist vor allem auf Gottes Geist vertrauen können. Unter seinem Einfluss werden in der Bibel durchaus schon mal mehr als elf Menschen zu Freunden, Weggefährten, Begeisterten. Aber das soll es ja bei einer Fußballmannschaft bekanntlich auch geben, jedenfalls dann, wenn richtig gut mit- statt gegeneinander gespielt wird. 

Donnerstag, 5. April 2012

"Du Opfer!"


Wort zum Karfreitag 2012 für die Braunschweiger Zeitung am Donnerstag, 5. April 2012
„Du Opfer!“ – Worte, die für manche fast alltägliche Schimpfworte sind. Mit ihnen wird nicht Mitleid, sondern Verachtung ausgedrückt. Sie dienen dazu, andere klein zu machen und verbal zu erniedrigen. Wer so betitelt wird, den hat eine Gruppe körperlich und seelisch schon so kaputt gemacht, dass von ihm oder ihr keine Gegenwehr mehr befürchtet wird.
„Du Opfer!“ – Worte, die mich zu Karfreitag an den Tod Jesu am Kreuz erinnern, an die Gewalt und an die Verachtung, die ihm vorausgingen. Jesu Leiden und sein Tod lassen mich denken an die Opfer von Gewalt, grenzenlosem Hass und menschlichem Vernichtungswillen in unserer Zeit. Der geschundene Körper am Kreuz stellt drastisch vor Augen, was Menschen einander tagtäglich an Leid zufügen und wie viele dabei unbeteiligt zuschauen– sei es in ohnmächtiger Hilflosigkeit oder schlicht unwillig, sich einzumischen und Partei für die Opfer zu ergreifen.
Am Karfreitag setzt sich in Jesus Gott selbst dem Bösen, der Gewalt und dem Tod aus und stellt sich damit eindeutig und unmissverständlich an die Seite derer, die von anderen zu Opfern gemacht werden.  An ihrer Seite und stellvertretend für sie fordert Gott selbst damit Recht und Gerechtigkeit, Reue und Wiedergutmachung. Denn die Vergebung, die Gott schenkt, schließt immer auch ein, dass Täter ihre Opfer um Verzeihung bitten und zumindest versuchen, das, was sie angerichtet haben, wieder gut zu machen. 
Wenn das Leiden und Sterben Jesu einen Sinn macht, dann den, dass Gott es dabei nicht belässt. Der Liedermacher Gerhard Schöne besingt das so: „Du warst eingemauert. Du hast überdauert Lager, Bann und Haft. Bist nicht totzukriegen; niemand kann besiegen deiner Liebe Kraft. Wer dich foltert und erschlägt, hofft auf deinen Tod vergebens, Samenkorn des Lebens.“
Der Karfreitag ist nicht das Ende – aber er ist eine Ortsbestimmung für Christenmenschen: Ihr Platz ist nicht auf den Knien vor denen, die über Seele, Leib und Leben anderer Menschen herrschen wollen, sondern knieend an der Seite derer, die allein nicht mehr auf die Beine kommen.

Mittwoch, 28. März 2012

45 Jahre arbeiten für 140 Euro Rente



Wort zum Alltag im Braunschweiger Dom am 28.3.2012
„Über Geld spricht man nicht“ – jedenfalls, so lautet die alte Benimmregel, nicht beim gepflegten Abendessen im Freundeskreis. Wer hier stilvoll sein will, spricht nicht über das eigene Einkommen und fragt andere nicht nach deren Auskommen. Diskrete Verschwiegenheit, auch wenn alle an Wohnung, Kleidung, Essen, dem Auto oder dem Sternestatus der letzten Urlaubsreise ablesen können und sollen, wie es denn so steht mit dem Geld, über das man nicht spricht.
„Über Geld spricht man nicht“ – aber zuweilen kann man auch nicht darüber schweigen. „45 Jahre arbeiten für 140 Euro Rente “ – so titelte heute morgen die Süddeutsche Zeitung. In ihrem Leitartikel beschreibt die Zeitung, wie es für diejenigen im Alter aussehen kann, die nur in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen, also als sogenannte Minijobber, tätig waren. Und das waren und sind vor allem Frauen. Sie werden, wenn sie nicht anders Vorsorge treffen – und wer von ihnen kann das schon? -, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten massiv von Altersarmut betroffen und auf Sozialhilfe oder andere finanzielle Unterstützung angewiesen sein.
Mit den Minijobberinnen trifft es dann gerade die, die für Kindererziehung und Haushalt die eigene Absicherung und die eigene Berufstätigkeit in den Hintergrund gestellt haben. Die sich verlassen haben auf finanzielle Absicherung durch Ehemann und Familie und die im Alter dann vielleicht schmerzlich merken, was es heißen kann, finanziell abhängig und auf Hilfe angewiesen zu sein. Mag sein, dass alles gut geht, Versorgung durch andere gewährleistet ist bis ins hohe Alter, aber das schale Gefühl, es eben nicht allein schaffen zu können und auf das Wohlwollen anderer angewiesen zu sein, das wird bleiben. Und das, obwohl nicht nur in Haus und Familie, sondern auch sonst hart gearbeitet wurde – zumeist in Arbeitsbereichen, um die sich nicht gerade gerissen wird oder in Beschäftigungsverhältnissen, die keine rechte Perspektive bieten konnten.
Schon in biblischen Zeiten lag das Augenmerk besonders auf Frauen – damals in erster Linie Witwen -, die finanziell nicht unabhängig waren und der Unterstützung bedurften.  Im jüdischen Volk Israel genauso wie später in den christlichen Gemeinden. Die Rechte und die Würde dieser Frauen galten ebenso wie die der Fremden, der Asylanten, der Armen und der Waisen als besonders geschützt. Und Gott selbst wird immer wieder als der beschrieben, der die Rechte der Armen und Benachteiligten besonders schützt und sich ihnen zuwendet. Es mag nachdenklich stimmen, dass auch Jahrtausende und viele Reformen, Gleichstellungsgesetzte und Emanzipationsbestrebungen später manche Fragen ganz ähnlich weiter bestehen. Und dass auch die anstehende Aufgabe eine ganz ähnliche ist: Was kann es ganz konkret heißen, seinen Nächsten, seine Nächste zu lieben wie sich selbst, wenn sie, wenn er für 45 Jahre Arbeit 140 Euro Rente bekommt?